Entnahmeplan: Wie lange reicht dein Vermögen?
Du hast jahrzehntelang gespart und investiert. Jetzt steht die Frage: Wie viel kannst du entnehmen, ohne das Kapital zu verzehren? Die Antwort ist entscheidend für deine finanzielle Unabhängigkeit.
Die 4%-Regel verstehen
Die 4%-Regel stammt aus der Trinity Study (1998). Sie untersuchte historische Aktienmarkt-Daten und fand: Wer 4% seines Startvermögens jährlich entnimmt, überlebt selbst die schlechtesten 30-Jahres-Perioden ohne Kapitalverzehr.
Beispielrechnung 4%-Regel
Sichere Entnahmeraten nach Zeithorizont
| Zeithorizont | Sichere Rate | Bei 1M€/Jahr | Bei 1M€/Monat |
|---|---|---|---|
| 15 Jahre | 6,0% | 60.000 € | 5.000 € |
| 20 Jahre | 5,0% | 50.000 € | 4.167 € |
| 30 Jahre | 4,0% | 40.000 € | 3.333 € |
| 40 Jahre | 3,5% | 35.000 € | 2.917 € |
| 50+ Jahre (ewig) | 3,0% | 30.000 € | 2.500 € |
Die Mathematik hinter der Entnahme
Die Formel für das Kapital nach n Jahren lautet:
K_n = Kapital nach n Jahren
K_0 = Startkapital
r = Rendite (z.B. 0,07 für 7%)
w = Entnahmerate (z.B. 0,04 für 4%)
n = Anzahl Jahre
Inflationsanpassung: Dynamische Entnahme
Die 4%-Regel sieht eine inflationsbereinigte Entnahme vor. Du entnimmst Jahr 1: 40.000€. Jahr 2: 40.000€ × 1,02 = 40.800€ (bei 2% Inflation). Das erhält deine Kaufkraft.
Statische Entnahme (nicht empfohlen)
Jedes Jahr 40.000€. Nach 30 Jahren: Kaufkraft nur noch 50% (bei 2% Inflation). Du wirst ärmer, obwohl das Kapital gleich bleibt.
Dynamische Entnahme (empfohlen)
Entnahme steigt mit Inflation. Jahr 30: 72.000€ (statt 40.000€). Kaufkraft bleibt konstant. Das Kapital muss aber höhere Renditen erwirtschaften.
Sequenz-Risiko: Die größte Gefahr
Das Sequenz-Risiko (Sequence of Returns Risk) ist die größte Bedrohung für deinen Entnahmeplan. Es beschreibt das Risiko, dass schlechte Renditen in den ersten Entnahmejahren das Kapital dauerhaft schädigen.
Beispiel Sequenz-Risiko
Szenario A: 7% Rendite jedes Jahr. Nach 30 Jahren: Kapital intakt.
Szenario B: -20% in Jahr 1, dann 10% in den Folgejahren. Gleicher Durchschnitt (7%), aber nach 30 Jahren: Kapital aufgebraucht!
Lösung: Cash-Buffer (2-3 Jahre Entnahmen als Reserve), flexible Entnahme, Glide-Path-Strategie.
Strategien gegen das Sequenz-Risiko
- Cash-Buffer: Halte 2-3 Jahre Entnahmen in sicheren Anlagen (Tagesgeld, kurzfristige Anleihen)
- Flexible Entnahme: Reduziere Entnahme in Crash-Jahren um 10-20%
- Glide-Path: Beginne konservativer (60/40 Aktien/Anleihen), werde mit der Zeit aggressiver
- Bucketing: Teile das Vermögen in Buckets: Kurzfristig (5 Jahre), Mittelfristig (5-15), Langfristig (15+)
FIRE: Financial Independence, Retire Early
Die FIRE-Bewegung nutzt den Entnahmeplan, um früh in Rente zu gehen. Das Ziel: 25-30× Jahresausgaben als Vermögen. Bei 40.000€ Ausgaben/Jahr: 1.000.000-1.200.000€ Vermögen.
Lean FIRE
Minimale Ausgaben (20.000-30.000€/Jahr). Früherer Ruhestand, aber spartanisch.
FIRE
Normale Ausgaben (40.000-50.000€/Jahr). Ausgewogener Ansatz.
Fat FIRE
Hohe Ausgaben (80.000€+/Jahr). Luxuriöser Ruhestand, späterer Start.
Teilweise Entnahme: Barista FIRE
Du musst nicht komplett aufhören zu arbeiten. Barista FIRE bedeutet: Teilzeit arbeiten, um die Lücke zu schließen. Das senkt das benötigte Vermögen erheblich.
Beispiel Barista FIRE
Wichtig: Flexibilität behalten
Kein Entnahmeplan ist in Stein gemeißelt. Überprüfe jährlich: Rendite, Ausgaben, Lebenssituation. Passe die Entnahmerate an, wenn nötig. Konservativ starten, flexibel bleiben.