Anleitung: Parameter verstehen statt blind tippen
Ein Rechner ist nur so gut wie die Daten, die du ihn fütterst ("Garbage In, Garbage Out"). Wer hier naiv "10% Rendite" und "0% Inflation" eingibt, rechnet sich reich, wird aber arm sterben. Gehen wir die kritischen Stellschrauben durch, die über deinen tatsächlichen Wohlstand entscheiden.
1. Die Sparrate und das "Pay Yourself First" Prinzip
Die Sparrate ist zu Beginn deiner Karriere wichtiger als der Zinssatz. Warum?
Bei einem kleinen Depot (z.B. 5.000€) bringen 10% Rendite nur 500€. Wenn du aber deine Sparrate
um 100€ im Monat erhöhst, sind das 1.200€ im Jahr.
Der Fehler vieler Anleger: Sie warten auf "ĂĽbriges Geld" am Monatsende.
Die Profi-Strategie: Der ETF-Sparplan muss am 1. des Monats abgebucht werden.
Behandle ihn wie eine Miete an dein zukĂĽnftiges Ich.
2. Die Dynamik (Dynamisierung) – Der Turbo
In unserem Tool findest du das Feld "Jährliche Erhöhung der Sparrate" (Dynamik).
Das ist der meistunterschätzte Hebel überhaupt.
Wenn du heute 200€ sparst, sind diese 200€ in 10 Jahren aufgrund der Inflation vielleicht nur noch so viel wert wie heute 150€.
Wenn du deine Sparrate nicht anpasst, sinkt deine reale Sparquote jedes Jahr.
Empfehlung: Stelle eine Dynamik von mindestens 2-3% ein.
Idealerweise koppelst du die Sparrate an Gehaltserhöhungen: Jedes Mal, wenn du mehr verdienst,
fließen 50% der Erhöhung direkt in den Sparplan.
3. Die Rendite-Erwartung (Nominal vs. Real)
Was trägst du bei "Zinssatz" ein? Der MSCI World hat historisch (letzte 40 Jahre) ca. 7-9% nominal gebracht.
- Der Optimist: Rechnet mit 9%. (Gefährlich!)
- Der Realist: Rechnet mit 7%. (Standard)
- Der Skeptiker (oder: Der Inflations-Bereiniger): Rechnet mit 4-5%.
Warum 4%? Weil du damit die Inflation quasi schon "rausgerechnet" hast. Das Ergebnis, das dir dann angezeigt wird, entspricht der heutigen Kaufkraft. Das ist die ehrlichste Art zu rechnen.
Die Mathematik: Was passiert im Maschinenraum?
Um zu verstehen, warum der Zinseszins so mächtig ist, müssen wir unter die Haube schauen. Ein ETF-Sparplan ist mathematisch gesehen eine nachschüssige Ratenzahlung mit Zinseszins.
Die Formel für das Endkapital $K_n$ bei regelmäßiger Besparung setzt sich aus zwei Teilen zusammen:
1. Der Zinseszins auf das Startkapital ($K_0$):
Geld, das schon da ist, wächst exponentiell.
$$K_{Start} = K_0 cdot (1 + p)^n$$
2. Die geometrische Reihe der Sparraten ($R$):
Hier wird es komplex. Jede Rate arbeitet unterschiedlich lang. Die erste Rate arbeitet 30 Jahre, die letzte nur einen Monat.
Die Summenformel der geometrischen Reihe lautet:
$$K_{Raten} = R cdot rac{(1+p)^n - 1}{p}$$
Was bedeutet das fĂĽr dich?
Der Exponent $n$ (Jahre) ist die mächtigste Variable. Eine Verdopplung der Laufzeit führt nicht zu einer Verdopplung des Kapitals,
sondern oft zu einer Vervierfachung oder mehr. Das ist der Grund, warum du
unseren Zinseszins-Rechner
nutzen solltest, um isoliert den Effekt der Zeit zu verstehen.
Realitäts-Check: Warum dein Depot weniger wert ist, als du denkst
Als unabhängige Analysten müssen wir Wasser in den Wein gießen. Die Million auf dem Depot-Auszug ist nutzlos, wenn ein Brot 10 Euro kostet. Hier sind die drei Faktoren, die an deinem Vermögen nagen (Vermögensvernichter).
1. Die Inflation (Der stille Dieb)
Bei einer durchschnittlichen Inflation von 2,5% halbiert sich deine Kaufkraft ca. alle 28 Jahre.
Das bedeutet: Wenn unser Rechner dir sagt, dass du im Jahr 2055 eine Million Euro hast,
dann hat diese Million wahrscheinlich nur die Kaufkraft von heutigen 480.000 Euro.
Lösung: Nutze unseren Inflationsrechner, um ein Gefühl für Preise der Zukunft zu bekommen. Rechne bei deinen Sparzielen immer einen Puffer von 50% oben drauf.
2. Die Steuern (Der Partner Staat)
Deutschland bittet Anleger zur Kasse. Wenn du deine ETF-Anteile verkaufst, fällt Abgeltungssteuer an.
Die Rechnung:
Gewinn * 0,70 (Teilfreistellung Aktienfonds) * 0,26375 (Steuer inkl. Soli) = ca. 18,5% effektive Steuerbelastung auf Gewinne.
Klingt wenig? Bei 500.000€ Gewinn sind das fast 92.000€ Steuern, die an das Finanzamt gehen.
Unser Rechner kann diese "Netto-Sicht" simulieren. Plane diese Steuerlast in deine Entnahmephase ein!
3. Die Kostenquote (TER)
ETFs sind günstig, aber nicht umsonst. Eine TER (Total Expense Ratio) von 0,2% klingt harmlos. Aber bei großen Summen und langen Laufzeiten "frisst" auch diese Gebühr zehntausende Euro vom Endkapital weg. Vermeide teure aktive Fonds (Ausgabeaufschlag 5%, TER 1,5%) – sie zerstören deine Rendite mathematisch fast garantiert.
4. Das Sequence-of-Returns Risiko
Der Rechner unterstellt eine lineare Entwicklung (jedes Jahr +7%). Die Börse funktioniert so nicht.
Es kann sein, dass du 10 Jahre lang 10% machst, und genau in dem Jahr, in dem du in Rente gehst, crasht der Markt um 40%.
Wenn du dann verkaufen musst (Entnahme), vernichtest du Substanz.
Experten-Rat: Schichte wenige Jahre vor dem Ziel (Rente/Hauskauf) schrittweise in schwankungsarme Assets (Tagesgeld, Anleihen) um.
đź”— Vernetztes Finanzwissen: Dein Weg zur Strategie
Ein ETF-Sparplan ist das Fundament, aber nicht das ganze Haus. Nutze unsere spezialisierten Tools, um die Feinheiten zu planen:
Der Turbo-Effekt
Verstehe die exponentielle Funktion isoliert. Wie verhält sich Einmalanlage vs. Sparplan?
Wann reicht es?
Berechne nicht das Endkapital, sondern den Zeitpunkt, ab dem du von den Zinsen leben kannst (Frugalismus / FIRE).
Kaufkraft-Check
Was sind 500.000€ in 30 Jahren noch wert? Die bittere Wahrheit über den Wertverlust.
Häufige Fragen (Deep Dive)
ETF Sparplan vs. Lebensversicherung?
Das ist ein ungleicher Kampf. Kapitalbildende Lebensversicherungen haben oft hohe Abschlusskosten (Provisionen) und Verwaltungskosten (2-3% p.a.). Ein ETF-Sparplan kostet oft nur 0,2% p.a. Über 30 Jahre macht dieser Kostenunterschied oft 30% bis 50% des Endvermögens aus. Der einzige Vorteil der Versicherung ist die steuerliche "Halbeinkünfteverfahren"-Regelung bei Auszahlung (unter Bedingungen) und die Langlebigkeitsgarantie. Für den Vermögensaufbau gewinnt der ETF fast immer mathematisch.
Was passiert, wenn der Markt crasht?
Für Sparplan-Nutzer ist ein Crash zu Beginn sogar gut! Du kaufst Anteile billiger ein ("Schlussverkauf an der Börse"). Du bekommst für deine 200€ Sparrate mehr Anteile. Wenn sich der Markt erholt, profitierst du von diesen günstig gekauften Anteilen überproportional. Ein Crash kurz vor der Rente ist das eigentliche Risiko.